LinkedIn für die Politik: Gefragt ist Tacheles – nicht Amtsdeutsch

Der Bundestagsabgeordnete und Grünen-Parteivorsitzende Felix Banaszak fragte kürzlich seine neuerdings 50.000 Follower auf LinkedIn: "Wovon wollt ihr, wollen Sie hier mehr?"

Also ganz konkret: Was soll er auf LinkedIn posten – und was lieber lassen?

Die Antworten in den Kommentaren waren eindeutig. Und sie verraten etwas, das viele Politiker:innen, Parteien und Verwaltungen immer noch unterschätzen: Die Zielgruppe will Tacheles – nicht Political Correctness.

Nicht im Sinne von „Pöbeln“ oder „Polarisieren um jeden Preis“ (schon gar nicht auf LinkedIn!), sondern im Sinne von: verständlich, echt, greifbar, menschlich.

Was die Leute wirklich wollen

Hier ein paar Stimmen aus den Kommentaren zu Felix Banaszaks Beitrag, die ziemlich deutlich machen, was gefragt ist:

  • "Ich wünsche mir noch mehr 'echte' Postings. Schnelle Selfies, Emotionen, Alltagsgedanken."

  • "Lieber Felix, ich würde gerne mehr business-spezifischen Content hier von dir sehen."

  • "Prinzipiell wünsche ich mir, dass LinkedIn primär eine Business-Plattform bleibt. Da sind politische Themen natürlich auch wichtig, sollten aber überwiegend im wirtschaftlichen Kontext sein."

  • "Mehr klare Sprache und Tacheles statt Political Correctness."

  • "Mich persönlich würde ein Blick hinter die Kulissen sehr interessieren."

  • "Mehr erklären, was in Deutschland gut und stark ist."

  • "Nehmen Sie uns bitte mehr mit durch ihren politischen Alltag."

Aus all diesen Kommentaren spricht der Wunsch nach Übersetzung und Zugänglichkeit.

Was NICHT gewünscht wird

Das hier wurde von Felix Banaszaks Followern nicht eingefordert:

✔️ Bitte mehr Gruppenfotos
✔️ Lange Zitate fände ich spannend
✔️ Mehr glattgebügelte Statements, bitte

Das ist ein wichtiger Reality-Check. Denn GENAU DIESE Inhalte dominieren viele politische LinkedIn-Feeds.

Das sieht dann so aus: Ein Gruppenfoto nach dem Termin, ein sauber poliertes Statement (freigegeben von der Fraktion oder Partei), ein Zitat über Verantwortung – fertig.

Gruppenfotos oder Zitate sind nicht grundsätzlich falsch. Das Problem ist: Sie sind austauschbar. Und Austauschbarkeit ist auf LinkedIn (und später an der Wahlurne) tödlich.


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Was wir daraus lernen können

Menschen wollen politische Inhalte auf LinkedIn, und zwar in dieser Form:

✔️ echte Sprache
✔️ echte Einblicke
✔️ echte Menschen
✔️ echte Gedanken

Keine Pressemitteilungen. Kein „Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger“ im Feed.

Politische Kommunikation ist häufig top-down organisiert: Statement raus, Zitat raus, Termin raus.
Social Media funktioniert anders, nämlich dialogisch, auch wenn viele die Plattformen als „Broadcast“ verstehen wollen.

Wer auf LinkedIn Reichweite aufbaut, schafft das meist über drei Ebenen:

  1. Verständlichkeit: Kann ich dem in 10 Sekunden folgen?

  2. Relevanz: Hat das etwas mit meinem Arbeitsleben, meinem Unternehmen, meinem Umfeld zu tun?

  3. Vertrauen: Klingt da ein Mensch – oder klingt da ein abgestimmtes Dokument?

„Tacheles“ geht seriös: So bleibt Politik auf LinkedIn professionell

Viele schrecken vor Klartext zurück, weil sie sofort an Shitstorms denken oder an „zu privat“. Aber Klartext ist nicht automatisch riskant. Riskant ist eher: etwas sagen, ohne etwas zu sagen – und deshalb zu langweilen und zu enttäuschen.

Hier sind drei Hebel, die “Tacheles” seriös machen:

Hebel A: Sage, was du weißt - und was du noch nicht weißt

Ja, Politik ist komplex. Die Zielgruppe weiß das - und möchte lieber Klarheit statt Nebel.

Beispiele:

  • „Wir haben uns entschieden für X, weil …“

  • „Das ist der Zielkonflikt: A vs. B.“

  • „Das sind die zwei Punkte, die gerade noch offen sind.“

Hebel B: Erkläre die Abwägung, nicht nur das Ergebnis

Menschen wollen den Prozess verstehen. Gerade auf LinkedIn, wo viele selbst Entscheidungen treffen müssen.

Statt: „Gute Gespräche geführt.“
Lieber: „Drei Dinge standen heute im Raum – und an Punkt 2 sind wir hängen geblieben.“

Hebel C: Nutze Alltag als Kontext, nicht als Selbstzweck

Selfies, Schnappschüsse, kurze Videos aus dem politischen Arbeitsalltag funktionieren – nicht weil es „hip“ ist, sondern weil es den Beweis liefert: Ich war wirklich dort. Heute war ein guter/ein schlechter Tag.

Content-Tipps für politische LinkedIn-Accounts

„Was diese Woche entschieden wurde – in einfachen Worten“

  • 3–5 Bulletpoints

  • ein Satz „Warum das relevant ist“ (wirtschaftlich/gesellschaftlich/für wen)

  • ein Satz „Was als Nächstes passiert“

„Blick hinter die Kulissen“

  • „Warum dauerte die Sitzung bis Mitternacht?“

  • „Woran scheitern schnelle Kompromisse meistens?“

  • “Wie schaffe ich es, in mehreren Themen inhaltlich fit zu sein?”

„Politik trifft Wirtschaft“ (LinkedIn-kompatibel)

  • „Was bedeutet Entscheidung X für Mittelstand/Startups/Kommunen?“

  • „Welche Branchen sind betroffen – und warum?“

  • „Welche Nebenwirkungen müssen wir im Blick behalten?“

„Ein Thema, ein Konflikt, ein Satz Klartext“

  • „Wir müssen hier aufhören, so zu tun als ob …“

  • „Der schwierigste Punkt an diesem Gesetz ist nicht X, sondern Y.“

  • „Wenn wir A wollen, müssen wir ehrlich über B reden.“

Fazit: “Ehrlich reden” ist das Stichwort - für Politik auf LinkedIn.

Christiane Germann von amtzweinull

Über mich

Ich bin Christiane Germann, Ex-Ministerialbeamtin und Social-Media-Beraterin für Behörden und Politik.

Seit mehr als 10 Jahren unterstütze ich Behörden dabei, Social Media intern zu organisieren und im Sinne der Bürger:innen zu nutzen.
Mein Angebot findet ihr hier.

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